Antifa-Kaffeefahrt durch Ostsachsen

In Hoyerswerda
Die Antifa in Hoyerswerda

Etwa 60 AntifaschistInnen waren am 31.05.08 im Rahmen einer Kaffeefahrt in Ostsachsen unterwegs. Sie besuchten mit kreativen Aktionen und Spontandemonstrationen das Büro und die Pizzeria des NPD-Kreisvorsitzenden in Kamenz, das Wohnhaus des rechten Ex-CDU-Politikers Henry Nitzsche in Oßling, sowie abschließend das von alternativen Jugendlichen aus der Region als rechte Problemzone eingeschätzte Hoyerswerda.

(Autor: Mensch aus Ostsachsen, Fotos: akubiz.de)

Sommer, Sonne, Antifa

Der weiße Reisebus, der am 31. Mai durch Ostsachsen tourte, bot nicht das für solche Fahrzeuge gewohnte Bild einer SeniorInnen-Reise mit Milchkaffee und Streuselkuchen. Für letzteres war zwar dennoch gesorgt, an jenem Samstag war aber keine Reisegruppe älterer Menschen, sondern die Antifa auf Kaffeefahrt in Ostsachsen unterwegs. Auch wenn das für Antifa-Aktionen obligatorische Schwarz die Kleiderauswahl der Reisenden dominierte, war doch auch deutlich zu sehen, dass die Gruppe am wohl ersten Sommertag 2008 mit deutlich mehr als 30 Grad Celsius unterwegs war.

Die Aktion initiiert von der Antifa Lausitz, der Antifa Aktion Bautzen und der AntifaAG Hoyerswerda war die erste ihrer Art in Ostsachsen, mit Blick auf ganz Sachsen lag die letzte Antifa-Kaffeefahrt bereits einige Jahre zurück.

Anlass der Kaffeefahrt war die eine Woche später stattfindende Kommunalwahl, bei welcher sowohl die NPD, als auch die rechte Wählervereinigung „Arbeit, Familie, Vaterland“ von Ex-CDU-Mitglied Henry Nitzsche aus Oßling KandidatInnen aufstellt. Ziele, die für die Antifa-Reisegruppe attraktiv erschienen, boten sich in Ostsachsen einige. So gibt es in Görlitz ein NPD-Büro, in Wilthen befindet sich der Naziladen „Nordland“ von Markus Rose aus dem Umfeld der Bautzener Kameradschaft „Sturm 24“, der auch als Frontsänger der Bautzener Nazi-Band „Asatru“ aktiv ist. Nordwestlich davon finden sich in Kamenz ausgedehnte NPD-Strukturen, im benachbarten Dorf Oßling wohnt der rechte Ex-CDU-Politiker Henry Nitzsche. Im nur wenige Kilometer entfernten Hoyerswerda sind Strukturen der NPD zwar weniger ausgeprägt, dafür fühlen sich alternative junge Menschen dort umso mehr von unorganisierten Nazis oder rechten und rechtsoffenen Jugendgruppen bedroht.

Letztendlich konnten im Rahmen der Kaffeefahrt Aktionen in Kamenz, Oßling und Hoyerswerda realisiert werden – leider von Anfang an nur unter Polizeibegleitung.

Das NPD-Büro und „Tomsens Pizzeria“ in Kamenz

NPD Buero nach Antifa Besuch
Das NPD -Büro nach dem Besuch der Antifa

Kamenz war das erste Ziel auf der Reiseroute der Antifas – und das nicht ohne Grund. Denn dort befindet sich zum einen ein Bürgerbüro des NPD-Landtagsabgeordneten Holger Apfel, sowie des Kreisvorsitzenden der NPD Spree-Elster Mario Ertel, welcher sich zur Kommunalwahl am 08. Juni 2008 als Landratskandidat aufstellen lässt. Das Gebäude ist darüber hinaus ausgestattet mit einem größeren Aufenthaltsraum, sowie dem „Nationalen Sport und Freizeitklub“ „Klub 22“ im Kellerbereich des Hauses. Von Seiten der Antifa wurde das Büro zunächst mit Plakaten und Stickern verziert, welche von putzwütigen NPD-Kameraden jedoch im Laufe des Nachmittages wieder entfernt wurden.

Kochduell
Kochduell vor „Tomsen’s Pizzeria“

Nach einigen Unstimmigkeiten mit der Polizei zog die Antifa-Gruppe anschließend zu „Tomsen‘s Pizzeria“ des NPD-Kreisvorsitzenden Mario Ertel nahe des Messegeländes der Lessingstadt. Mit dabei waren, wie bei allen Station der Kaffeefahrt, ein Lautsprecherwagen, sowie je nach Zielort extra aufbereitete Infoflyer, die in Briefkästen und an ZuschauerInnen verteilt wurden. Dass die angereisten Antifas keinen Bock hatten auf Nazi-Pizza aus Ertels Pizzeria, zeigte die Reisegruppe ganz praktisch und veranstaltete ein Kochduell zwischen zwei Teams, die mit den mitgebrachten Zutaten Pizza nach ihrem Geschmack belegten. Die Ergebnisse sahen zwar weniger nach Steinofenpizza aus, die Botschaften waren jedoch klar: ein mit Paprika gelegtes „No Nazis“ zierte die eine, ein „Nazis raus“-Symbol die andere Pizza. Mario Ertel, der die ganze Szene beobachtete, sah eher wenig erfreut darüber aus, dass Antifa und Polizei den Zugang zum Hof seiner Pizzeria blockierten und niemand zur Mittagsstunde sein Restaurant besuchen konnte.

Mit Henry durch die Zone – in Oßling

In O�ling
Unterwegs in Oßling. Henry Nitzsche sieht man rechts im Bild auf einem Wahlplakat

Nächstes Ziel war Oßling – das Dorf des CDU-Aussteigers Henry Nitzsche, der in der Vergangenheit vor allem durch platte, nationalistische und ausländerfeindliche Parolen von sich Reden machte. Dieser ließ sich nur kurz mit einem Gesichtsausdruck zwischen Angst und Wut blicken und verschwand schließlich in seinem Wohnhaus. Vor diesem postierte sich wenig später die Antifa und brachte Leben in die Siedlung, wie es das verschlafene Dorf sicher lange nicht erlebt hat. Es entstand jedoch schnell der Eindruck, dass Nitzsche großen Rückhalt in Oßling genießt, näherten sich VerteilerInnen von Infoflyern den ZuschauerInnen an den Gartenzäunen, wehrten diese meist panisch ab oder flüchteten gleich in ihre Häuser. Davon ließ sich die Reisegruppe ihre Stimmung nicht verderben und spielte das für die Kaffeefahrt vorbereitete Würfelspiel „Mit Henry durch die Zone“. Dabei mussten zwei Teams gegeneinander im Stile von „Mensch ärgere dich nicht“ verschiedene Stationen der politischen Laufbahn des Ex-CDU-Mitgliedes ablaufen, an den Orten Dresden, Lieske, Berlin und Oßling wurden jeweils kurze Redebeiträge zu Äußerungen Nitzsches verlesen.

Vor Nitzsches Haus
Das Würfelspiel „Mit Henry durch die Zone“ vor dem Wohnhaus von Henry Nitzsche

Rechte Gewalt und Angstzonen in Hoyerswerda

Abschließend ging es nach Hoyerswerda. Zum Auftakt einer Spontandemo durch die Hoyerswerdaer-Neustadt wurde im Stadtzentrum ein Redebeitrag zur Lebenssituation alternativer Jugendlicher in der von Abwanderung und einer zunehmend alternden Bevölkerung geprägten Stadt verlesen. Darin wurden rechte Strukturen in Hoyerswerda thematisiert, sowie die von jungen Menschen vor Ort als permanente Bedrohung wahrgenommene Dominanz rechter oder rechtsoffener Jugendgruppen auf Plätzen des öffentlichen Raumes, wie jenem „Lausitzer Platz“, auf dem die Kundgebung stattfand. Die anschließende Spontandemo führte auch vorbei an einem heute als „Stadtmauer“ bekannten Plattenbauhochhaus. In diesem wurden 1991 die Wohnungen von GastarbeiterInnen von einem Mob von mehreren hundert Deutschen angriffen. Die Gewalt gegen Nicht-Deutsche weitete sich auch auf ein Wohnheim von AsylbewerberInnen in Hoyerswerda aus und war der Auftakt für eine ganze Reihe pogromartiger rassistischer Übergriffe wie z.B. in Rostock 1992.

Die Polizei – leider von Anfang an mit dabei

Die Antifa-Kaffeefahrt durch Ostsachsen hatte von Anfang an leider einen unschönen Beigeschmack, denn die gesamte Reise über wurde die Kaffeefahrt von Polizei-Einheiten begleitet – welche laut einem Bericht der „Sächsischen Zeitung“ bereits am Tag zuvor einen Hinweis erhielten.

Die zunächst eingeplante erste Station der Kaffeefahrt, der Naziladen „Nordland“ in Wilthen, wurde übersprungen, weil sich davor bereits PolizistInnen postierten. Deswegen steuerte die Antifa-Reisegruppe direkt das NPD-Büro in Kamenz an. Der dadurch gewonnene Vorsprung konnte jedoch nicht verhindern, dass wenig später von allen Antifas Personalien aufgenommen und mit Anzeigen gedroht wurde. Es gelang anschließend dennoch alle Aktionen als spontan angemeldete Kundgebungen und Demonstrationen durchzusetzen.

Das Presseecho: Von einem jammernden Henry Nitzsche und „Demonstrationen gegen Rechts“

Am schnellsten reagierte der „Arbeit-Familie-Vaterland“-Landratskandidat Henry Nitzsche aus Oßling mit einer Pressemitteilung auf den Besuch der Antifa in seinem Dorf. Ihm war offenbar entgangen, dass die angereiste Gruppe Antifas vor seinem Haus lediglich mit einem Würfelspiel, Redebeiträgen, veganem Kokoskuchen und Musik aus dem Lauti beschäftigt war, denn er sah den Besuch der AntifaschistInnen als „offenen Drohung gegen ihn und seine Familie“. Die linke Reisegruppe habe „ganz klar mehr, als lediglich friedlich demonstrieren“ wollen, so Nitzsche.

Die „Sächsische Zeitung“ räumte in ihren Artikeln in der landesweiten und den regionalen Ausgabe Nitzsches Gejammer z.T. zwar sehr viel Platz ein, teilte aber nicht sein Vokabular von „Linksextremisten“. Stattdessen wurden die Aktionen in Oßling und Kamenz als „Demonstration gegen Rechts“ „junge(r) Leute der Antifaschistischen Aktion (Antifa)“ und „ostsächsische(r) Antifagruppen“ beschrieben.

Mehr Bilder: www.akubiz.de

Pressespiegel

Durchs wilde Ostsachsen

(Jungle World, Nr. 24 /12. Juni 2008)

Ausführlicher Artikel zur Antifa -Kaffeefahrt in Ostsachsen, Autorin: Judith Lauer, Rubrik: Inland, Seite: 9.

Aktion von Linken vor Haus von Henry Nitzsche

(Sächsische Zeitung, 02.06.2008)

Kamenz/Oßling. Junge Leute der Antifaschistischen Aktion (Antifa) haben am Sonnabend mit Spruchbändern vor dem NPD-Kreisbüro in Kamenz gegen Rechts demonstriert. Anschließend fuhren sie weiter ins wenige Kilometer entfernte Oßling zum Wohnhaus des Bundestagsabgeordneten Henry Nitzsche. Der Parteilose (früher: CDU) kandidiert derzeit für seine Wählervereinigung „Arbeit, Familie, Vaterland“ als Landrat des künftigen Großkreises Bautzen. Die AntifaAG Hoyerswerda betrachtet ihn aufgrund seines Wahlprogrammes als Aktivisten des rechten Randes.

Die Polizei hatte bereits am Freitag einen Hinweis zu möglichen Demonstrationen in Kamenz und Oßling erhalten. Sie reagierte mit einem Großaufgebot ihrer Kräfte. Polizisten aus ganz Ostsachsen sowie von der Bereitschaftspolizei waren im Einsatz. (SZ)

Linke demonstrieren in Kamenz und Oßling

(Sächsische Zeitung, Regionalausgabe Kamenz, 02.06.2008)

Am Sonnabend gab es Protest-Aktionen der Antifa-Jugend. Die Polizei
reagiert mit einem Großaufgebot ihrer Kräfte.

Mit einem Großaufgebot von Einsatzkräften reagierte die Polizei am
Sonnabend auf eine nicht angekündigte Demonstration linker Kräfte in
Kamenz und Oßling.

Nach Aussagen von Einsatzleiter und Polizeidirektor Norbert Krause hatte
die Polizei am Freitag einen Hinweis erhalten, dass eine Demonstration
gegen Rechts stattfinden soll und von ihrer Seite entsprechende
Vorbereitungen getroffen. Polizeikräfte aus dem gesamten Bereich der
Polizeidirektion Oberlausitz wurden Sonnabendvormittag in Kamenz
zusammengezogen, Bereitschaftspolizisten waren in Oßling im Einsatz,
weil auch am Wohnhaus des parteilosen Bundestagsabgeordneten und freien
Landratskandidaten Henry Nitzsche Proteste angekündigt waren.

Genehmigung vor Ort erteilt

Nach dem Mittag hielt dann ein Bus mit etwa 60 jungen Leuten der
Antifaschistischen Aktion (Antifa) auf dem Kamenzer Macherplatz. Die
Insassen machten sich mit Spruchbändern zur Demonstration vor dem
NPD-Büro an der Macherstraße 22 auf. Die jungen Leute wurden zunächst
von der Polizei aufgehalten, weil es sich um eine nicht angemeldete
Aktion handelte. Ein Vertreter der Versammlungsbehörde erteilte vor Ort
und unter Auflagen die Genehmigung. Woraufhin die junge Leute ihre
Demonstration gegen rechte Strukturen in der Region durchführen konnten.
Sie zogen auch zur Pizzeria des NPD-Kreisvorsitzenden an der
Friedenstraße. Nach ihrer Aktion in Kamenz, bei der nach Angaben aus dem
Lagezentrum der Polizeidirektion in Görlitz am NPD-Kreisbüro auch eine
Scheibe zu Bruch ging, fuhr der Bus weiter nach Oßling. Dort wurden vor
dem Wohnhaus von Henry Nitzsche die Spruchbänder wieder ausgerollt. „Die
Personen demonstrierten gegen den Antritt der Wählervereinigung ,Arbeit,
Familie, Vaterland\‘ bei den Kreistagswahlen“, sagte Henry Nitzsche, der
sich mit seiner Familie zu dieser Zeit im Haus befand, gegenüber der SZ.
Nach seinem Eindruck wollten die, wie er sie bezeichnet,
Linksextremisten mehr, als vor seinem Haus lediglich friedlich
demonstrieren. „Dass dies verhindert wurde, ist nur der zahlreichen
Präsenz der Polizeikräfte zu verdanken“, sagte Nitzsche. Er sei es
gewohnt, dass seine Meinung den Linken nicht passt. Dass aber versucht
werde, ihn und seine Familie in ihrem privaten Umfeld einzuschüchtern,
das habe eine neue Qualität.

Der Oßlinger war zunächst nicht über den Polizeieinsatz in seinem
Heimatort informiert worden. „Als ich am Vormittag die vielen
Polizeiautos sah, habe ich mich erkundigt, was los ist. So erfuhr ich
aus dem Lagezentrum der Polizei, dass vor seinem Privathaus eine Aktion
linker Kräfte angekündigt ist“, sagte Henry Nitzsche.

Von da an war an diesem Sonnabend für den Bundestagsabgeordneten und
seine Familie nichts mehr normal. Als dann die Nachricht kam, dass die
linke Gruppe in Kamenz eingetroffen ist, rief Nitzsche auch sein
Wahlkampfteam zurück. „Zur Sicherheit“, sagte Nitzsche, denn eigentlich
wollten seine Mitstreiter an diesem Nachmittag noch einige Wahlplakate
aufhängen. „Ich werde mich aber auch zukünftig nicht davon abhalten
lassen, eine werteorientierte Politik der klaren Worte zu vertreten“,
bekräftigte der Oßlinger.

„Auch wenn sich Nitzsche nicht dazu bekennt, sehen wir in ihm ganz klar
einen Aktivisten des rechten Randes“, sagte Marius Buchner von der
AntifaAG Hoyerswerda. Das werde in seinem Wahlprogramm deutlich.