Text der AntifaAG Hoyerswerda anlässlich des 08. Mai 2007

Der 8. Mai 1945 – das war der Tag der Befreiung – der Tag der Kapitulation des Deutschen Reiches und damit bis 1990 das vorläufige Ende einer deutschen Nation.

Auch 62 Jahre nach der militärischen Zerschlagung des Nationalsozialismus ist jedoch eine politische Auseinandersetzung mit dieser Epoche deutscher Geschichte weiterhin nötig. Nach 1945 waren und sind weiterhin in Deutschland Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und weitere menschenverachtende Denkmuster gegenwärtig, auf denen auch der Nationalsozialismus aufbaute. Dies gilt nicht nur für Neonazis. Sie bekennen sich in Anlehnung an den Nationalsozialismus offen zum so genannten „Nationalen Sozialismus“. Doch auch in Teilen der Zivilgesellschaft finden sich bis heute Anschlusspunkte an jene Denkstrukturen.

Deshalb ist es eben notwendig auch im Jahre 2007 mit dem heutigen 8.Mai den Nationalsozialismus nicht als eine abgeschlossene Epoche deutscher Geschichte zu begreifen. Er ist und bleibt ein Teil deutscher Realität, deren Nachwirkungen wir bis heute spüren.

Die Kapitulation des deutschen Reiches und die innerdeutsche Teilung bedeuteten das Ende eines territorial geschlossenen Deutschlands. Erst Anfang der 90er formte sich mit der Wiedervereinigung von BRD und DDR wieder eine deutsche Nation. Die Folgen von Einheitstaumel und Deutschlandbegeisterung zeigten sich bald. Aus der Wende-Parole „Wir sind das Volk“ wurde „Wir sind ein Volk“ – und gab dem Charakter der Wende-Bewegung ihren völkischen Anteil. Die Erwartungen an ein neues national geschlossenes Deutschland wurden jedoch bald enttäuscht. Die Schuldigen dafür waren wie in Hoyerswerda 1991 schnell gefunden: es waren diejenigen, die eben nicht dem völkischen Kollektiv zugerechnet wurden. In Hoyerswerda traf es AsylbewerberInnen und GastarbeiterInnen beim Angriff auf ihre Wohnheime im September 1991, dem ersten deutschen Pogrom nach 1945 – hier in dieser Stadt, 46 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus

Die direkten geistigen Erben des am 8. Mai 1945 zusammengebrochenen Nationalsozialismus sind jedoch die Neonazis. Sie gingen Anfang der 90er gegen Menschen vor, die aufgrund ihrer Abstammung oder Hautfarbe nicht in ihre Vorstellungen der deutschen Volksgemeinschaft gehören konnten. Sie attackierten aber auch Linke, Punks, HausbesetzerInnen und andere Menschen, die sich nicht in ihre völkischen Kategoriemuster pressen lassen wollten. Dabei wurden in und um Hoyerswerda Waltraud Scheffler 1992 und Mike Zerna 1993 von Neonazis getötet.

Heute treten Neonazis in Hoyerswerda als „Nationale Sozialisten“ auf. Ihre führende Persönlichkeit ist Sebastian Richter, Landesvorstandsmitglied der NPD Jugendorganisation JN. Sein „Lausitzer Aktionsbündis“ ist offenbar in die Strukturen des JN Stützpunkt in Hoyerswerda übergegangen. Die JN Hoyerswerda steht in enger Verbindung mit dem NPD Kreisverband Kamenz, welcher unter anderem von Mathias Rochow, dem Bundesgeschäftsführer der JN, geleitet wird.

Die sogenannten „Nationalen Sozialisten“ besetzen für Rechtsextremisten untypisch erscheinende Themenfelder, wie Globalisierungskritik oder Sozialpolitik. Sie versuchen gesamtgesellschaftliche Diskurse aufzugreifen. All dies jedoch auf der Basis von oft nicht einfach zu ergründenden nationalistischen, rassistischen, antisemitischen oder anderen menschenverachtenden Argumentationen.

Doch auch weiterhin bedienen sich Neonazis nach wie vor Mitteln der Gewalt gegen Menschen, die nicht in ihr Weltbild passen. Rechts-motiverte Übergriffe in und um Hoyerswerda haben Kontinuität.

So wurde z.B. am 29.12.2006 eine 17jährige Jugendliche am Netto-Markt im WK II auf Grund ihrer Hautfarbe angepöbelt, bespuckt und mit Feuerwerkskörpern beworfen. In der Neujahrsnacht wurde ein alternative gekleideter 17jähriger von drei stark angetrunkenen Neonazis im WK IX angegriffen. Er wurde mit einem Schlagring derart im Gesicht verletzt, dass er stationär behandelt und mit sieben Stichen genäht werden musste. Er wird sein Leben lang eine bleibende Narbe im Gesicht tragen.

Von Neonazis lassen wir uns am heutigen 8. Mai jedoch nicht die Laune verderben. Für sie ist heute ein Tag der Trauer, denn das von ihnen glorifizierte Deutsche Reich musste heute vor 62 Jahren seine absolute Niederlage eingestehen. Für uns ist der 8. Mai ein Feiertag und wir danken den alliierten Streitkräften, PartisanInnen, WiderstandskämpferInnen und allen die dazu beigetragen haben, dem „deutschen“ Terror ein Ende zu setzen.

Ein Text der AntifaAG Hoyerswerda

ay caramba!