Redebeitrag der Leipziger Antifa (LeA) zur Demo „Hoyerswerda-15 Jahre später“

Wir demonstrieren heute in Erinnerung an die Welle rassistischer Übergriffe nach der so genannten Wiedervereinigung. Eine Feststellung vorweg: Diese pogromartigen Ereignisse waren keine Ausnahme- oder Krisenfälle, sondern deutsche Normalität im freien Lauf. Der Nationalismus, in dessen Name zur rassistischen Tat geschritten wurde, ist keine Verirrung von ein paar Nazis. Es ist eine massenwirksame Basisideologie, ohne die es dieses Land garnicht geben würde.

Es wäre zu einfach und faktisch nicht stichhaltig, das Geschehen vor 15 Jahren durch historische Parallelen erklären zu wollen. Aber Hoyerswerda reiht sich ein in eine deutsche Kontinuität, für die der Tod der „Volksfremden“ nicht nur Mittel, sondern Zweck ist. Und das, was 1991 in Hoyerswerda vom Mob aus BürgerInnen und Nazis gemeinsam vorbereitet und von der Masse der Bevölkerung durch ihr Schweigen sanktioniert wurde, war der Tod von Menschen.

Für uns als AntifaschistInnen ist die Solidarität mit den Opfern der Deutschen daher selbstverständlich, und diese Solidarität sollte auf unseren Demonstrationen auch zu erkennen gegeben werden. Dazu gehört insbesondere die Solidarität mit Israel als die Parteinahme für einen Staat, der ohne die Shoah nicht existieren würde.

Es ist nun praktisch weder möglich noch wünschbar, allen Opfern des Rassismus „eigene“ Staaten zu geben, um ihnen die bewaffnete Verteidigung zu ermöglichen, die im Ernstfall angesagt wäre. Denn das wäre nicht nur kein Ende des Rassismus, sondern seine opportunistische, staatstragende Fortschreibung. Sympathischer ist uns die Idee im umgekehrten Sinne: es wäre einiges gewonnen, wenn nicht die „Anderen“ Platz für deutsche Interessen machen müssen, sondern Deutschland als Vorhut der Nationalstaaterei endlich im Straßengraben der Geschichte landet.

In diesem Sinne tritt unser Antirassismus nicht ein für ein toleranteres oder multikulturelles Deutschland, sondern für eine Ende jedes Kulturalismus. Das heißt: eine Gesellschaft, in der die freie Entfaltung des Einzelnen die Bedingung der freien Entfaltung aller ist. Und „frei“ bedeutet dabei auch die Freiheit von kollektiven Zwangszuschreibungen und Zwangssortierungen wie Ethnie, Nationalität, Religion oder Geschlecht.

Solange das weder theoretisch denkbar oder gar praktisch greifbar wird, ist unsere Praxis eine pragmatische. Wir werden rassistische und antisemitische Zusammenrottungen überall angreifen, wo wir ihrer habhaft werden können – egal ob es sich um Nazis oder andere, rechte, bürgerliche oder „alternative“ Nationalisten handelt. Und wir werden uns nicht anfreunden mit denjenigen, deren unwissender Idealismus sich nicht entblödet, jenen einzigen Staat anzugreifen, dessen Staatsraison der Schutz vor Pogromen ist, wie sie vor allem in Deutschland eine Option geblieben sind.

Solidarität mit Israel! Kein Bleiberecht für Deutschland!