Harter Staat und weiche Birne, aus der Wildcat Oktober 1991

Auszug aus einem Artikel in des Zirkulars „Wildcat“ vom Oktober 1991

Hoyerswerda war bis in die 60er Jahre ein kleines Dorf in Sachsen. Dann wurde eine „Arbeiterstadt“ mit 60.000 EinwohnerInnen aus dem Boden gestampft, die fast alle „in der Braunkohle“ arbeiten. Seit Anfang der 80er Jahre hatte die DDR aus Mosambik und Vietnam insgesamt zehntausende billiger Arbeitskräfte ins Cottbusser Braunkohlerevier geholt. Sie wurden in Wohnheime gestopft, oft 4,5 Mann auf einem Zimmer. Mit dem Ende der DDR und der beabsichtigten Schließung der riesigen Braunkohle-Tagebaugruben wurden sie nach und nach in ihr Heimatland zurückgeschickt. Etwa 200 von ihnen waren noch da, als eine Gruppe Faschisten Mitte September vietnamesische Händler vom Wochenmarkt vertrieb. Diese zogen sich in das Wohnheim zurück. Nachts flogen dann Steine aufs Wohnheim…

Bereits seit einiger Zeit hatte die Geschäftsleitung des Braunkohlebetriebs den ausländischen Arbeitern immer mehr Schwierigkeiten gemacht. Beispielsweise hatte sie die Prämie für deutsche Arbeiter um mehr als 800 DM erhöht, die für ausländische nur um etwa 200, und ihnen gleichzeitig das „Angebot“ gemacht, ihre Verträge vorzeitig zu beenden. Stattdessen waren sie in Streik für gleiche Prämien getreten, woraufhin ihnen die Geschäftsleitung den Zutritt zum Werksgelände untersagte. Es kam zu Verhandlungen im Wohnheim, die zu keinem Ergebnis führten – drei Stunden später begannen die Angriffe aufs Wohnheim.

Um die ausländischen Arbeiter loszuwerden, hätte der Betrieb ihnen eine Abfindung zahlen müssen. (Es gibt auch das Gerücht, der Unternehmer habe die Faschos bezahlt oder aufgehetzt, Leute wollen ihn im Gespräch mit einigen von ihnen gesehen haben.) In der Nacht darauf kamen die Faschisten wieder, diesmal zwei Dutzend. Den Arbeitern riss schließlich der Geduldsfaden und sie schlugen die Faschos mit einem Gegenangriff zurück. Danach verlagerten sich die Angriffe auf das Wohnheim für AsylbewerberInnen und steigerte sich nun jede Nacht. Es kamen Faschisten aus der ganzen Umgebung zusammen und nach und nach scharten sich etwa 300 Leute um den Schauplatz, aus dieser Menge wurde geklatscht, wenn Mollis ihr Ziel trafen.

Der Staat kokettierte tagelang mit seiner angeblichen Hilflosigkeit und ließ dann am 23.9. die meisten der Arbeiter und alle AsylbewerberInnen überstürzt abtransportieren – durch Spaliere beifallklatschender AnwohnerInnen.

Am 29.9. fuhr aus Berlin ein Konvoi mit etwa 1.000 Leuten zur antirassistischen Demo in Hoyerswerda. Nach Sammeln auf dem Parkplatz außerhalb ging die Demo Richtung Neustadt: ein ungeheueres Konglomerat von 60er-Jahre-Realsozialismus-Arbeiterkaninchenställen, Plattenbauweise, die schon sichtbar bröckelt.

Der BGS zog eine dünne Kette vor dem (verlassenen!) AsylbewerberInnenwohnheim auf und wollten uns nicht weiterlassen. Daraufhin begannen Leute, Betonplatten zu zerkleinern und sich auf das Überrennen der Bullenkette vorzubereiten – sogleich wurden sie von vielen Leuten umringt, die sie davon abbringen wollten. Schließlich beschloss die Demoleitung umzukehren. Doch bald stand die Demo für geraume Zeit vor einem zweiten Bullenkordon. Es gab über zwei Stunden lang Verhandlungen. Inzwischen hatte sich der Charakter der Demo zu ändern begonnen: immer mehr Jugendliche aus Hoyerswerda reihten sich in die Demo ein, machten Durchsagen durch den Lautsprecher, ein alter Mann winkte mit seiner roten Fahne vom Balkon, ließ Getränke runter, andere Leute verteilten Stullen an die Demonstranten… Bei schon anbrechender Dunkelheit durften wir dann endlich – mit Pfarrern an der Spitze – zu demonstrieren anfangen.

Der Endpunkt der Demo war das Arbeiterwohnheim, in dem sich noch immer 21 Mosambikaner aufhalten. Die waren in den obersten beiden Stockwerken (etwa 11. und 12.) und hängten weiße Betttücher aus dem Fenster. Nun nahte der emotionale Höhepunkt: „Wir haben euch ein Lied mitgebracht“… und dann volle Power über die Lautsprecher „Deutschland verrecke!“