„Die Polizei griff nicht ein…“ Interview mit Flüchtlingen aus Hoyerswerda im AIB Nr. 16

Antifaschistisches Infoblatt (AIB) Nr. 16, Winter ’91/92

Pierre, Robert und Jean (die Namen wurden von der Red. geändert), äußern sich zu den Lebensbedingungen und Angriffen auf ihr Wohnheim in Hoyerswerda, zu ihrer Flucht nach Berlin und zu ihrer Unterbringung hier (siehe auch Artikel in diesem Info).

Der Text ist aus einem Interview entstanden, daß wir Mitte Oktober mit ihnen geführt haben. Unsere Fragen, die sich lediglich auf den Gang der Ereignisse bezogen, haben wir, wegen besserer Lesbarkeit, weggelassen.

Empfang und „Betreuung“ in Hoyerswerda

Pierre: In Hoyerswerda waren Vietnamesen, Äthiopier, Rumänen, Jugoslawen, Kameruner, Ghanesen, Senegalesen, Angolaner… . Wir
kamen aus verschiedenen Orten. Einige aus Frankfurt, andere kamen aus Berlin und es gab auch welche, die aus Zittau kamen, die ihr Verfahren im Osten begonnen haben.
Manche kamen auch aus Niedersachsen. Wir waren seit Anfang Mai da, andere kamen Ende Mai. Als wir eintrafen, waren da auch andere schon. Wir kamen zuerst nach Chemnitz. Von dort wurden wir nach Hoyerswerda geschickt.
Am Anfang fühlten wir uns gut aufgenommen. Wir wußten ja nicht, was noch passieren würde. Nach einem Monat stellten wir fest, daß die Bevölkerung uns nicht gut gesonnen war. Es passierten eine ganze Reihe von Dingen: Man beleidigte uns, man bedrohte uns auf der Straße, sie griffen uns auf die eine oder andere Art an, sie belästigten uns. So waren wir gezwungen, nur noch in Gruppen auszugehen, denn wenn du alleine spazieren gingest, wurdest du angegriffen, oder bedroht. Gingst du raus zum Telefonieren, gab
es Probleme; gingst du einkaufen, wurdest du bedroht, all das. So haben wir schnell verstanden, daß die Leute von Hoyerswerda uns nicht mochten.
Was die Behörden angeht: Wir wurden nicht gut betreut. Selbst zu Beginn der Probleme haben die Behörden uns nicht geschützt. Ihr Engagement war nicht gerade ausreichend. Und zu unseren Informationen: Wir waren
nicht wirklich informiert. Wir wußten nicht, was passiert. Nehmen wir einen Fall als Beispiel: In Deutschland gibt es seit August ein Gesetz, daß die Arbeit für Asylbewerber regelt. Seit dem ersten August haben alle Asylbewerber das Recht zu arbeiten. Aber uns gegenüber haben sie das verschwiegen.
Sie wollten uns nicht mitteilen, daß wir arbeiten dürfen. So blieb uns das verborgen, bis wir Verdacht
schöpften. Wir übten Druck auf die Behörden aus, uns die Arbeitserlaubnis zu erteilen. Und selbst als sie
mitbekommen hatten, daß wir die Information besaßen, waren sie noch immer etwas unwillig; sie haben uns
die Genehmigung nicht erteilt.
Also, es gab eine Menge vorenthaltener Informationen. Grund für uns, uns Anwälte zu suchen, die sich ein wenig für Betreuung, Schutz und Informationen einsetzen.

Robert: Als es um die Anwälte ging, sagten sie uns, sie könnten keine für uns finden, in Ostdeutschland sei es unmöglich und wenn wir im Westen suchen würden, könnte das sehr lange dauern. Daher würden wir sowieso in keiner Frage Erfolg haben. Das teilten sie uns offiziell mit.
Wenn wir Fragen oder Probleme hatten, zum Beispiel, wie wir den Ort wechseln könnten, sagten sie: „Wir
können euch nicht helfen, das ist euer Problem. Ihr seid hier hergekommen mit euren Problemen, jetzt löst sie auch selbst.“
Unter den Sozialarbeitern war einer mit Erfahrungen im internationalen Recht. Er hat über sechs Jahre in Kolumbien gearbeitet. Wißt ihr, nach der Wiedervereinigung ist er zurückgekommen, aber er hat alles vergessen.
Als wir uns an ihn wandten, weil einige Leute auf der Straße angegriffen worden waren, sagte er immer nur: „Kein Problem.“ Immer nur: „Kein Problem.“ Und immer wuchs das Problem, bis schließlich das Heim, in dem wir lebten, angegriffen wurde.
Die sind nicht kompetent, irgendein Problem zu lösen. Ein Beweis dafür ist der sächsische Innenminister, der im Fernsehen erläuterte, warum die Polizei nicht in der Lage ist, Ausländer vor Faschisten zu schützen.
Der Grund, den er nennt, ist wirklich lustig: Viele Polizisten haben keinen Führerschein, so daß sie nicht rechtzeitig zum Beschützen erscheinen können. Was ist das für eine Begründung?
Schon am Anfang stellte sich die Polizei auf die Seite der Faschisten. Ihr wißt, Hoyerswerda ist eine kleine Stadt. Man trifft sich, man kennt sich, und darum können sie sich nicht mit denen hauen, sondern nur zusammen uns angreifen. Schließlich kam Polizei aus Leipzig und anderswo mit Hubschraubern und schützte uns, bevor wir evakuiert wurden.

Die Angriffe begannen beim Heim der Mosambikaner (dem Arbeiterwohnheim, Anm. Info). Schon oft waren sie auf der Straße geschlagen worden und Schritt für Schritt kamen sie, um das Heim anzugreifen, bis schließlich viele im Krankenhaus lagen. Danach ging das mit den Vietnamesen los. Da wurden ihnen auf der Straße Dinge nachgerufen.
Und dann begann es. Auch Leute von uns wurden geschlagen, als sie zur Kirche oder woandershin gingen. Einmal sah ich eine verletzte Hand, ein anderer wurde am Hals verletzt. Schließlich kamen sie, um unser Haus anzugreifen: Mit Raketen und Tränengas schössen sie, und alles wurde wie auf einem Kriegsschauplatz, nein,
ein Schlachtfeld war es.

Die Angriffe auf die Heime

Pierre: Sie begannen die Angriffe bei den Mosambikanern und danach bildeten sie Gruppen. Sie hatten auch Hunde. Wenn ein Ausländer auf der Straße an ihnen vorbeiging, ließen sie den Hund auf ihn los, und so etwas machten sie jeden Tag. Die Polizei griff nicht ein, wir verstanden es nicht. Und dann, es war der 20. September, griffen sie uns an.
Während des Tages, bevor sie kamen, gaben unsere Sozialarbeiter uns zu verstehen: „Heute wird der Angriff sein. Also bereitet euch vor: Schlaft nicht, seid vorsichtig, schließt die Fenster usw. – sie werden kommen und euch angreifen.“ Also, es war, als ob es vorbereitet gewesen wäre.

Ganz Hoyerswerda wußte es, daß wir an diesem Tag, zu dieser Zeit angegriffen werden würden.
Als der Angriff dann begonnen hatte und wir einige Blicke nach draußen riskierten, sahen wir einige von den Sozialarbeitern, die bei uns arbeiteten, unter diesen Gruppen. Sie taten nichts, sie sahen nur zu. Sie waren bei den Leuten, die uns angriffen, bei den Skinheads. Wir verstanden es nicht. Es war wie eine vorbereitete Sache, vorbereitet von der ganzen Bevölkerung der Stadt. Als ob Versammlungen stattgefunden hätten, um diese Aktion vorzubereiten, um den Angriff der Skinheads auf uns vorzubereiten, irgendwelche Treffen, an denen auch unsere Sozialarbeiter teilnahmen. Denn am ersten Tag sagten sie uns: „Heute wird der Angriff stattfinden.“

Robert: Harry, derjenige, der im Ausland gearbeitet hatte, kam ständig und gab Anweisungen, er terrorisierte uns mit seinen Anweisungen: „Licht aus! Heute wird es Ärger geben: Ein paar Leute werden kommen. Licht aus, Fenster zu, versteckt euch irgendwo außerhalb…“ Immer nach fünf Uhr kam er. Fünf Tage terrorisierte er uns und schließlich kamen sie, um uns angreifen. Ich denke, es gibt Kontakt zwischen Sozialarbeitern und Faschisten.
Wir taten nichts. Für mich und ich glaube für viele andere ging es nur darum, uns zu verstecken. Wir hatten nicht einmal Tränengas, gar nichts, außer dem Tisch, von dem wir aßen oder das Bett, auf dem wir schliefen. Wir sagen ganz offen, daß wir nichts hatten, um sie abzuwehren. Sie hätten kommen und uns töten können.

Pierre: Am zweiten Tag des Angriffs hatten wir Steine gesammelt und sie nach drinnen gelegt. Als die Skinheads eintrafen, kamen die Sozialarbeiter zu uns und nahmen alles weg, was wir vorbereitet hatten: Die Steine, die Flaschen, sie haben das alles weggeworfen. Sie verboten uns, auf die Angriffe zu antworten, uns zu verteidigen, etwas zu werfen usw. Sie haben alles konfisziert, was wir als Waffe oder Instrument zur Selbstverteidigung hatten.
Also, als sie ankamen (gemeint sind die Leute von dem spontanen Autokorso; d.Info) verlangten drei aus diesen Gruppen von der Polizei die Erlaubnis, zu uns in unser Haus kommen zu dürfen, um uns einige Fragen zu stellen. Die Polizei stimmte nicht zu, doch wir bestanden darauf.
Wir wollten mit diesen Leuten reden, damit sie wüßten, was hier vor sich geht. Auch unsere Sozialarbeiter wollten sich nicht darauf einlassen. Aufgrund unserer Beharrlichkeit gestatteten sie schließlich zwei oder drei Leuten aus diesen Gruppen, sich mit uns zu unterhalten.

Die Evakuierung

Robert: Manchmal kamen Leute, die von diesen Vorfällen am Anfang gehört hatten, um festzustellen, was unsere Probleme sind. Auch Journalisten. Ich selber kenne welche aus Frankfurt und einen aus München. Sie kamen vom Fernsehen, um zu fragen, was los ist. Aber Frank, unser Sozialarbeiter, verwehrte ihnen den Eintritt.
„Es geht ihnen gut“, sagte er, „es gibt keine Probleme und keine Erlaubnis, sie selbst zu fragen.“ Er wollte nicht, daß die internen Probleme in unserem Haus genauer bekannt werden. Schließlich gab es eine Reihe ernster Fragen an die Sozialarbeiter: Wir werden geschlagen, es kann so nicht weitergehen, wir verlangen geschützt zu werden. Woraufhin sie gelegentlich antworteten: „Wenn dieser Ort hier nicht gut ist für euch, dann bringen wir euch aufs Dorf, wo es keine Skinheads oder sowas gibt.“ Aber auf dem Dorf gibt es niemand, keine Polizei, niemand der uns schützt. Die Skinheads würden uns immer folgen. Und wenn sie uns fänden, könnten sie uns umbringen. Glücklicherweise kam es nicht dazu. Aber da sieht man, was für Antworten diese Sozialarbeiter uns gaben. Vieleicht haben sie keine Ahnung von solcher Art von Arbeit. Oder sie wollten uns Angst einjagen, damit wir von uns aus den Ort verlassen.
Oder, die dritte Möglichkeit ist, daß sie selber Faschisten sind. Auf jeden Fall hassen die Sozialarbeiter uns. Ich bin zu dieser Schlußfolgerung gekommen. So oft ich ihre Ansichten, ihr Umgehen mit Leuten, ihre Antworten betrachte: Was sie für uns empfinden ist völliger Haß. Darum litten wir so in Hoyerswerda, wir haben so gelitten. Dieser psychologische Terror war das Erste. Dann etwas wie eine Art militärischer Aktion. Sie griffen uns an, um uns zu töten, zu zerstören. Aber das geschah nicht.

Pierre: Seit ihr dagewesen wart (gemeint ist der Autokonvoi; d.Info), von diesem Zeitpunkt an, sagte der sächsische Innenminister, daß er uns nicht länger schützen könne, da die Polizisten, die unsere Sicherheit gewährleisteten, viel Geld verdienen würden und man das nicht länger bezahlen könnte. Also gab es die Entscheidung, daß wir Hoyerswerda verlassen sollten. Sie kamen um 14.00 Uhr, am Montag, den 23. September.
Um 14.00 Uhr teilten sie uns die Entscheidung mit, daß wir um 15.00 Uhr den Ort verlassen müßten. Also gaben sie uns eine Stunde, uns vorzubereiten, unsere Sachen zu packen und abzufahren. Darüberhinaus nannten sie uns nicht den Ort, in den es gehen sollte, das Ziel war uns unbekannt. Wir diskutierten, daß wir so nicht fahren könnten, ohne zu wissen, wohin sie uns bringen. Aber sie bestanden darauf und wir konnten nichts machen. Wir mußten es ganz einfach so hinnehmen. So nahmen wir unser Gepäck und stiegen in den Bus.

Es gab drei Busse. Wir Afrikaner waren alle in einem. So verließen wir Hoyerswerda. Als wir abfuhren wurde ein Bus angegriffen. Das heißt, die Skinheads waren da. Von der Seite warfen sie Steine auf einen der Busse.
In unserem Bus waren ein Mitarbeiter des Sozialamtes und der Fahrer. Vor uns fuhr ein Lastwagen mit Soldaten (BGS?; d.Info). Als wir auf der Landstraße waren, kehrten die Soldaten um und wir blieben dort allein. Wir fuhren bis zu einem entfernten Dorf, das Meißen heißt. Bevor wir in den Ort fuhren, sahen wir auf den Brücken die Parolen „Ausländer raus“. Wir verstanden genug deutsch um zu wissen, daß dies die Parolen der Faschisten, der Rassisten sind. So hatten wir schon im voraus Angst vor diesem Ort, da wir Hoyerswerda ja genau wegen dieser Dinge verlassen mußten. Wir kamen also in Meißen an, und es ist überall dasselbe. Vor allem war der Ort nicht angemessen. Es war ein isolierter Platz in einem Wald. In Hoyerswerda waren wir in einer Stadt mit all ihren Möglichkeiten. Aber, dort in Meißen, das war eine Katastrophe, schlimmer als vorher in Hoyerswerda. Wenn es dann einen Angriff gegeben hätte, wären wir nicht in der Lage gewesen, die Polizei rechtzeitig zu verständigen oder uns selbst zu verteidigen.

So beschlossen wir, den Bus nicht zu verlassen, obwohl uns der vom Sozialamt dazu zwingen wollte. Schließlich haben sich der Typ und der Busfahrer ein Taxi rufen lassen und sind zurückgefahren.
Über die anderen Busse wissen wir nichts. Es waren nur wir Afrikaner, die in Meißen waren. Also wir blieben im Bus und verbrachten dort die ganze Nacht, ohne irgendwas zu essen. Wir waren dort völlig verlassen. Es war schon eine seltsame Ecke: Es gab Gleise und Züge fuhren vorbei. Vom Bus aus sahen wir die Leute in den Zügen an uns vorbeifahren. Sie beleidigten uns, sie tuschelten über uns, zeigten uns die Finger… und wir hatten schnell kapiert, daß wir hier nicht sicher sein würden, daß es dasselbe wie in Hoyerswerda sein würde.

Wir wollten auf den Typ vom Sozialamt warten, damit er nach Chemnitz fährt, wo die Zentralstelle ist und unsere Akten geführt werden. Er sollte von seinem Chef verlangen, uns einen sicheren Platz zu suchen. Wir warteten die ganze Nacht, er kam nicht zurück. Ebenso am Morgen: Wir waren da und warteten, er kam nicht.
Es wurde Mittag. Wir waren völlig allein, verlassen, ohne irgendwas zu essen. Und immer noch sahen wir diese Leute vorbeifahren, die uns beleidigten.
Gegen sechzehn, siebzehn Uhr entschieden wir, den Ort zu verlassen, da wir ja unter diesen Bedingungen nicht immer weiter im Bus schlafen konnten. Wir bildeten einen Zug von dort bis zum Bahnhof. Dreimal mußten wir gehen, um all unser Gepäck zum Bahnhof zu bekommen. Wenn dieser Ort wirklich sicher gewesen wäre, dann hätte sich doch jemand um uns gekümmert, wenigstens die Polizei angerufen oder so. Aber niemand hat reagiert. Niemand hat uns gefragt, wo wir hinwollen mit unserem Gepäck auf dem Kopf. Also, wir waren dort wirklich nicht sicher. So haben wir am Bahnhof den Zug nach Berlin genommen.

Solidarität und Unterstützung

Jean: Wir waren illegal, gut, glücklicherweise haben eure Gruppen, die autonomen Gruppen uns unterstützt in diesen zwei oder drei Wochen und dann hat sich die Kirche um uns gekümmert.
Wir haben das Problem erörtert und seitdem warteten wir wir auf die Entscheidung, ob wir in Berlin bleiben dürfen.
Wir kannten Berlin schon recht gut, weil wir hier waren, bevor wir nach Hoyerswerda geschickt wurden. Wir wissen, daß es auch hier Bedrohung und Angriffe geben kann. Aber hier in Berlin sind wir wirklich sicher. Wenn etwas passiert, ist nach ein, zwei, drei Minuten die Polizei da und greift ein.

Pierre: Wir wissen genau, daß wir illegal hier waren. Und wir wissen auch, daß wir nicht gegen die Gesetze handeln können, die uns verbieten, ohne Erlaubnis den zugewiesenen Ort zu verlassen. Aber wir haben das aus Notwehr getan. Hier in Berlin kam unsere Angelegenheit auf den Tisch der Regierung. Es gab Treffen, und die Regierung hat sich zusammengesetzt, um unser Problem zu behandeln. Was wir erwarteten war ganz einfach die Entscheidung des Innensenators, daß diejenigen, die hier ihren Asylantrag gestellt haben, auch in Berlin bleiben können.

Robert: Alles hat seine logische Reihenfolge. Daher können wir hier nicht weitergehen, ohne unseren Dank an die Unterstützerinnengruppen auszusprechen, die uns ganz am Anfang auf den Bahnhöfen aufgelesen und untergebracht haben.
Lange lebten wir zusammen, ihr habt Forderungen an die Kirche gestellt, es wurde politischer Druck gemacht und sie stimmten zu. Wir leben heute dort. Dann gab es den Kampf der Unterstützerinnen mit dem Senat, und so folgt alles seinen logischen Gesetzen.
Wir gingen zu vielen Stellen – die gewählten Delegierten der verschiedenen Nationalitäten und die Unterstützerinnen. Am Ende begegneten wir dann dem Innensenator Herrn Heckelmann. Bei dieser Gelegenheit sagte er uns, daß aus seiner Sicht eine Chance bestehe, daß diejenigen, die über Berlin gekommen sind, hier bleiben könnten. Und eine kleine Chance auch für die, die ihren Antrag im Osten, also in Sachsen gestellt haben. Aber er sagte: Ich gehe damit zur Bundesregierung und ich lege meine Meinung dazu dort da und wir werden darüber diskutieren. Ich denke, die Entscheidung steht unmittelbar bevor und sie werden uns hier akzeptieren. Morgen gehen wir zum Sozialamt und erhalten unsere Heimplätze.
Seit wir in Berlin waren, fühlten wir uns besser. Wir trafen Menschen mit glücklichen Gesichtern, nicht wie in Hoyerswerda. Wir lebten wieder mit menschlichen Wesen zusammen, und das ist genug für uns. Menschlichkeit ist erstein mal genug, wie immer auch die politische Situation ist, Menschlichkeit ist genug. So fühlten wir uns.
Jetzt sind politische Dinge nötig: Wir haben viele Sachen zurücklassen müssen, in Meißen, in Hoyerswerda, überall. Wir mußten zuerst einmal uns selbst retten. Jetzt, wo die kalte Jahreszeit kommt, fehlt es zum Beispiel an warmer Kleidung. Ob wir die Sachen bekommen oder nicht, wissen wir nicht. Auch das hängt vom Sozialamt ab.
Jetzt zu den anderen Gruppen (die nicht über Berlin nach H. gekommen waren; d.Info): Ich finde, Probleme müssen so gelöst werden, wie sie sich stellen. Man kann nach Gesetzen und Prinzipien handeln. Aber auf der anderen Seite hat jeder das Recht, seinen Aufenthaltsort frei zu wählen. In Deutschland stehen dem vielleicht Gesetze entgegen, aber auf der ganzen Welt kann man selbst entscheiden, wo man leben will. Egal, ob man in dem Land geboren ist oder nicht. Also politisch unterstützen wir sie (d. anderen Flüchtlinge, Anm. Info).
Wenn die Frankfurter Stadtregierung in schriftlicher Form zusichert, daß die (Flüchtlinge; d.Info), die nicht über Berlin gekommen sind, in Frankfurt bleiben können und dort untergebracht und beschützt werden – okay.
Eine Erklärung, Einladung oder so. Wenn nicht, dann sollten sie dort nicht hingehen. Denn Faschismus ist Faschismus, ob in Frankfurt oder Berlin. Deshalb müssen sie dem Faschismus entfliehen, nicht irgendwelchen Städten, wißt ihr? So sind wir ein wenig in zwei Gruppen geteilt, seit sich für uns einige Probleme gelöst haben. Die Wünsche und Hoffnungen sind ein wenig anders geworden. Aber wir denken immer an die anderen. Und wenn es etwas gibt, was wir tun können, dann werden wir es auch tun. Aber es hängt auch von euch ab, den Unterstützerinnen. Es gibt nicht genug Unterstützerinnen. Immer irgendeine Aktion, etwas, womit man Druck erzeugen kann.. Aber kein Problem, wir werden weiter zusammen für ihren Erfolg arbeiten.

Etwas wurde vergessen, als wir über die Evakuierung aus Hoyerswerda sprachen. Also, am Ende waren sie gezwungen, uns zu evakuieren, weil die Polizei in Hoyerswerda nicht in der Lage ist, uns zu beschützen. Warum?
Wegen der Faschisten aus Dresden. Als die Faschisten aus Hoyerswerda mit der Polizei kämpften, riefen sie die Dresdner auf, ihnen zu helfen. Und es waren Vorbereitungen im Gange. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber ich hörte von 1.500, die versuchten, einen Zug zu organisieren. Als sie diese Information bekamen, beeilten sie sich, uns nach Meißen zu evakuieren.
Dabei ist Meißen etwa 21 Kilometer von Dresden entfernt, Hoyerswerda 10 oder 16. Die andere Sache ist: Als wir nach Meißen kamen, waren da keine Parolen gegen Ausländer. Aber als einige von uns am nächsten Tag in die Stadt fuhren, um etwas zu kaufen, sahen sie auf den Wänden die Inschriften „Ausländer raus“. Das heißt, die wußten bereits, daß wir da waren. Aber warum nur hat die sächsische Regierung nicht darauf reagiert? Das ist völlig unbegreiflich. Ich weiß nicht, welche Ausländer bleiben dürfen und welche nicht. Aber am Ende wird es einen riesen Konflikt geben. Wir sind nicht die einzigen Ausländer. Wenn wir gehen, kein Problem. Aber die anderen…? Wenn die Regierung nichts gegen den anwachsenden Faschismus in diesem Land unternimmt, was wird dann am Ende passieren in Europa? Eine Frage für Historiker, für Philosophen? Es muß die Frage gestellt werden, warum sie nichts gegen diese Art von Problemen tun.