Chronik der Ereignisse im September 1991 in Hoyerswerda

Hoyerswerda 1991

Hoyerswerda 1991

Dienstag, 17. September 1991

Am späten Nachmittag greifen ca. 15 Neonazis auf einem Wochenmarkt Menschen vietnamesischer Herkunft an, die Zigaretten verkaufen. Um 17.30 Uhr treffen drei Streifenwagen ein. Die Opfer flüchten in das Vertragsarbeiter_Innen – Heim Schweitzer Strasse. Es kommt zu Auseinandersetzungen zwischen Neonazis und den Bewohnern des Heimes.
Erst gegen ca.18 Uhr greift die Polizei ein, ist aber überfordert, unterbesetzt und wird massiv durch Bürger behindert. Das Heim wird fast durch die Neonazis gestürmt.
Gegen 19.35 Uhr trifft ein Einsatzkommando der Polizei ein und kann erste Neonazis festnehmen.
Drei Menschen werden verletzt und ein Polizist wird von einer Holzplatte am Kopf getroffen und schwer verletzt.
Gegen 21 Uhr beruhigt sich die Lage. Schon jetzt kritisieren Beobachter, das zu späte Eingreifen der Polizei, die erst handelte, als Verstärkung eingetroffen war.
Viele der Heimbewohner_innen aus Vietnam und Mosambik wurden noch in der ehemaligen DDR als Arbeitskräfte des Cottbuser Braunkohlereviers angesiedelt. Mit dem Ende der DDR stand die Schließung großer Teile der Braunkohleindustrie bevor, ausländische Vertragsarbeiter_innen wurden wieder in ihre Heimatländer zurückgeschickt. Noch verbliebenen ausländischen Arbeitern machte die Geschäftsleitung des Braunkohlebetriebes Probleme. Zum Beispiel wurden Prämien für deutsche Arbeiter_innen um mehr als 800 DM erhöht, die für ausländische nur um etwa 200DM. Gleichzeitig wurde ihnen das „Angebot“ gemacht, ihre Verträge vorzeitig zu beenden. Ausländische Arbeiter_innen sind daraufhin in Streik für gleiche Prämien getreten. Es kam zu Verhandlungen im Wohnheim, die zu keinem Ergebnis führten – nur drei Stunden später begannen die Angriffe auf das Wohnheim an jenem Dienstag, den 17. September 1991.

Mittwoch, 18. September 1991

Um ca. 17 Uhr sammeln sich etwa 100 Neonazis vor dem Vertragsarbeiter_Innen – Heim in der Schweitzer Str. und rufen ausländerfeindliche Parolen.
21 Uhr ist die Menge auf ca. 250 Menschen angewachsen, darunter auch viele Bürger_innen.
Es kommt zu Schlägereien zwischen Deutschen und den Bewohner_innen des Heimes.

Donnerstag, 19. September 1991

500- 600 gewaltbereite Deutsche, vor allem Jugendliche aus Hoyerswerda und Neonazis aus ganz Deutschland sammeln sich vor dem Vertragsarbeiter_Innen – Heim in der Schweitzerstraße.
Neonazis werfen Flaschen, Steine und Molotowcocktails auf das Heim, Bürger_innen klatschen Beifall, wenn Molotowcocktails ihr Ziel treffen.
Bewohner_innen versuchen sich zu wehren, in dem sie Mobiliar aus dem Gebäude auf die Strasse werfen.
17 Menschen werden verletzt (einige schwer). An der Kreuzung Külzstr./Stadtpromenade/Hufelandstr. kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen (zumeist Neonazis) und der Polizei. 45 Menschen (meist rechtsextreme Skinheads) werden vorläufig festgenommen. Allein vor dem Wohnheim Schweitzerstraße sind 100 Polizisten im Einsatz. Die Schweitzerstraße wird am Abend durch die Polizei geräumt.

Freitag, 20. September 1991

Das Vertragsarbeiter_Innen – Heim in der Schweitzerstraße wird weitläufig abgesperrt,
dennoch versammeln sich wieder Jugendliche vor den Absperrungen. Es kommt zu Molotowcocktailwürfen auf die Polizei.
Neues Ziel der Neonazis und Bürger_innen ist das Asylbewerber_Innen – Heim in der Müntzerstraße
Es kommt zu Angriffen auf das Heim (viele Bürger_innen klatschen Beifall). Einige wenige Bürger_innen versuchen die Situation zu deeskalieren (z.B. Waltraut Spill, Friedhart Vogel, stellvertretender Bürgermeister Klaus Naumann). Keiner der Migrant_innen kann mehr die Wohnheime verlassen, die Lebensmittelversorgung wird schwierig.

Samstag/ Sonntag, 21.-22.September 1991

Räumung des Vertragsarbeiter_Innen – Heimes auf der Schweitzerstraße. Das Asylbewerber_Innen – Heim in der Müntzerstraße wird weiträumig abgesperrt.
Um 15 Uhr sammeln sich ca. 150 Menschen vor dem Heim Müntzerstraße. Die Menge hält sich meist zurück. Es kommt zu vereinzelten Festnahmen von Gewalttätern. Auch Bürger_innen werfen jetzt Gegenstände auf das Heim. Die Menge wird von der Polizei gewaltsam aufgelöst.
Um ca. 17 Uhr sammeln sich wieder ca. 30 Neonazis vor dem Asylbewerber_Innen – Heim. Immer mehr Menschen versammeln sich vor dem Wohnheim, um ca. 18.45 Uhr eskaliert die Situation. Einige Bewohner_innen des Heimes steigen auf das Dach des Gebäudes und bewaffnen sich, sie werden von einer Spezialeinheit der Polizei vom Dach geholt.
20.15 Uhr wird die Müntzerstraße in Richtung Schillstraße geräumt. Erste Würfe von Molotowcocktails auf die Polizei. Wasserwerfer werden aufgefahren, kommen allerdings nicht zum Einsatz.
Um ca. 21.20Uhr ist die Schweitzerstraße geräumt. Kurze Zeit später sammeln sich an der Straßensperre wieder ca. 100 gewaltbereit Neonazis und greifen die Polizei mit Flaschen, Steinen und Stahlgeschossen an.
Ca. 0 Uhr ist die Situation wieder ruhig. In der ganzen Nacht ziehen verschiedene Skinhead- und Nazigruppen durch die Stadt
Um ca. 3.20 Uhr werden sechs Naziskins vor dem Vertragsarbeiter_Innen – Heim in der Schweitzerstraße gesehen, von denen vier Benzinkanister bei sich hatten.

Am Sonntag rufen Berliner Mitglieder der Fraktion Bündnis 90/Grüne, SOS Rassismus und andere Menschenrechtsgruppen aus Berlin zu einem Autokonvoi nach Hoyerswerda auf. An dem Konvoi und der anschließenden Solidaritätskundgebung und Demonstration vor dem Wohnheim und in der Stadt nehmen etwa 400 Menschen teil. Darunter sind viele Autonome und Antifas, aber auch antirassistische- , Lesben- und Frauengruppen.
Der Wunsch aller Flüchtlinge ist es, so schnell wie möglich den Ort zu verlassen, am besten mit dem Konvoi zurück nach Berlin. Die Polizei geht sofort gewalttätig gegen Versuche vor, Kontakt mit den Heimbewohner_innen in der Müntzerstraße auf zu nehmen.
Einer Delegation gelingt dennoch die Aufnahme von Gesprächen mit Flüchtlingen aus dem Heim. Diese berichten von schon seit ca. 8 Monaten unerträglichen Zuständen von alltäglichem Rassismus, so wurden Behandlung in Krankenhäusern verweigert, Anzeigen von der Polizei ignoriert. Es kommt zu einigen Schwerverletzten.
Zwangsräumung der Wohnheime in Nacht- und Nebelaktionen.
Evangelische Kirche organisiert Nachtunterkünfte für Frauen und Kinder aus den Heimen.

Montag, 23. September 1991

Räumung der Wohnheime hält an. Fast alle mosambikanischen Vertragsarbeiter_innen sind direkt nach Frankfurt zur „freiwilligen“ Abschiebung in ihr Heimatland gebracht worden. Die Asylbewerber_innen wurden auf mehrere Baracken und Fabrikgebäude (sogenannte Heime) in der Umgebung von Dresden verteilt.
Etwa 40 Bewohner_innen der Heime gelingt die Flucht nach Berlin. Hier leben sie auch mit Unterstützung autonomer Gruppen zunächt in Kirchenasyl.
Die meisten Vertragsbeiter_innen des Braunkohlebetriebes Laubag AG erhalten die vertraglich zugesicherten Abfindungen durch die erzwungene Flucht nicht mehr. Innenminister Rudolf Krause beruft einen Arbeitsstab zum verstärkten Schutz von Asylbewerber_innen – Heimen – er fordert die vorübergehende Unterbringung der Asylbewerber_innen in Bundeswehrkasernen. Die Bundesregierung und das Land Sachsen, aber auch Vertreter aller Parteien verurteilen die Entwicklungen in Hoyerswerda und ganz Deutschland (Forderung nach einer politischen Lösung des „Asylkonfliktes“).
Kritik von Politikern der PDS/Grüne, dass die Asylfrage in der Politik und den Medien die Situation zusätzlich aufgeheizt hätte.

Mittwoch, 25. September 1991

Live „Brennpunkt“ des heimischen Fernsehens auf dem Marktplatz in Hoyerswerda. Anwesend sind Innenminister Kraus und Oskar Lafontaine als Gäste. Bis 22 Uhr sind ca. 300 Menschen vor Ort, Stimmung ist angespannt. Teils wird Beifall, teils Unmut bekundet für und über Worte der Politiker. Viele anwesende Neonazis fordern die Freilassung ihrer Kameraden. Spät abends kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Neonazis und der Polizei in der Mittelstrasse.

Sonntag, 29. September 1991

Antirassistische Demonstration: etwa 4.000 Menschen aus ganz Deutschland nehmen an der Demo teil.
Polizeiabsperrung um den genehmigten Demotreffpunkt am Asylbewerber_Innen-Heim – die gemeinsam angereisten Demonstrant_Innen werden nicht durchgelassen.
Es kommt zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und linken Demonstrant_Innen, die Polizei setzt Wasserwerfer ein. Die Demo dreht um und versucht an anderer Stelle auf die genehmigte Route zu kommen. Auch hier blockiert der BGS den Weg. Unter anderem durch das Eingreifen der Pfarrer Reinhard Brückner (Freiburg) und den Pfarrern Lahn und Hoffmann (Hoyerswerda) kann die Demo stattfinden.